Eine andere Welt ist möglich!

Anlässlich des heutigen 25. Todestags von Carlo Giuliani, der 2001 während der Proteste gegen den G8-Gipfel in Genua von einem Carabinieri erschossen wurde, haben wir am Dortmunder Sonnenplatz eine symbolische Platzumbenennung durchgeführt. Damit wollen wir an ihn und die blutigen Gipfeltage von Genua erinnern.

Die Ermordung Carlo Giulianis

Carlo Giuliani war 23 Jahre alt, als er sich entschließt, an den Antiglobalisierungsprotesten gegen den G8-Gipfel in Genua teilzunehmen.

Am 20. Juli 2001 erlebt Carlo, wie friedliche Demonstrant*innen immer wieder von massiver Polizeibrutalität getroffen werden. Auf der Piazza Alimonda entschließt er sich, mit weiteren Demonstrierenden gemeinsam gegen die Carabinieri-Schlägertrupps zur Wehr zu setzen. Plötzlich fallen aus einem Jeep der Carabinieri zwei Schüsse. Carlo wird am Kopf getroffen. Unklar ist, ob er zu diesem Zeitpunkt noch lebt, doch der Jeep fährt noch zweimal über seinen Körper. Die darauffolgenden Reanimationsversuche von Sanitäter*Innen bleiben erfolglos.

Die schockierenden Bilder von Carlo Giulianis Leichnam, der in seiner Blutlache liegt und von Carabinieri umringt ist, gehen innerhalb kürzester Zeit um die Welt. Für viele werden diese Aufnahmen zum Symbol der blutigen Repression gegen die Proteste in Genua. Sie lösten weltweit Fassungslosigkeit, Trauer und Wut aus. Gemeinsam mit der brutalen Stürmung der Diaz-Schule in der Nacht des Folgetages und der Folter in der Bolzaneto-Kaserne traumatisierten sie eine ganze Bewegung.

Staatsterror in Genua

Nach der Ermordung Carlo Giulianis setzte der Staat seine Gewaltorgie ungehemmt fort. Trotz der Gewalt gingen am 21. Juli rund 300.000 Menschen auf die Straße, um gegen den G8-Gipfel zu demonstrieren. Erneut reagierten die Bullen mit massiver Brutalität. In der Nacht zum 22. Juli stürmten bewaffnete Polizeieinheiten die Diaz-Schule, die als Schlafplatz, Medienzentrum und Anlaufstelle für Sanitäter*innen und Rechtshilfe diente. Während viele Menschen schliefen oder keinen Widerstand leisteten wurden sie, teilweise noch in ihren Schlafsäcken liegend, mit Schlagstöcken brutal zusammengeschlagen. Die meisten erlitten schwere Verletzungen, mindestens vier Personen wurden so schwer misshandelt dass sie in Lebensgefahr schwebten und nur knapp überlebten.

Um den Einsatz zu rechtfertigen, fälschten Polizeiführer anschließend Beweise und konstruierten falsche Vorwürfe gegen die Festgenommenen. Viele von ihnen wurden in die Kaserne Bolzaneto gebracht. Dort erfuhren sie weitere Schläge, Folter, Erniedrigungen, Schlafentzug sowie faschistische, rassistische und antisemitische Beschimpfungen. Tagelang wurden ihnen Anwält*innen, Kontakt zu Angehörigen und medizinische Versorgung verweigert. Die Ereignisse von Diaz und Bolzaneto gelten als eine der schwersten dokumentierten Menschrechtsverletzungen in der Geschichte der italienischen Republik. Italien wurde dafür vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte mehrmals wegen “Folter” verurteilt.

Eine andere Welt ist möglich

Gerade weil vielen von den Julitagen in Genua vor allem die Bilder marodierender Schlägertrupps des Staates im Gedächtnis geblieben sind, ist es uns wichtig, auch an die Stärke, den kämpferischen Optimismus und die Hoffnung der damaligen Antiglobalisierungsbewegung zu erinnern. Genua war der Höhepunkt einer internationalen Bewegung, die Menschen aus den unterschiedlichsten politischen und sozialen Zusammenhängen zusammenbrachte: Gewerkschaften, Umweltbewegung, feministische Gruppen, Bäuer*innen, antirassistische Zusammenhänge, K-Gruppen und autonome Linke. Sie verband die Überzeugung, dass die kapitalistische Ordnung überwindbar ist.

Der Slogan „Eine andere Welt ist möglich“ war keine leere Utopie. Während die Herrschenden den Neoliberalismus als alternativlos propagierten, brachte er eine Bewegung zusammen, die erkannte, dass die Kämpfe gegen Kapitalismus, Krieg, Rassismus, Patriarchat und ökologische Zerstörung untrennbar miteinander verbunden sind. Es war der Moment, in dem Hunderttausende erfuhren, dass sie Teil einer weltweiten Bewegung waren, welche die bestehenden Machtverhältnisse und Ordnung herausforderte. Eben weil diese Bewegung die herrschenden Verhältnisse ernsthaft herausforderte, reagierte der Staat mit aller Härte. In Genua fiel die demokratische Maske und die brutale Fratze des bürgerlichen Staates trat offen zutage.

Die Repression in Genua und die globalpolitische Wende nach dem 11. September hinterließen tiefe Wunden. Doch die Ideen dieser Bewegung leben bis heute fort – in Kämpfen gegen die Klimakrise, gegen Krieg, gegen soziale Ungleichheit und für eine sozialistische Perspektive.

Eine andere Welt ist möglich – damals wie heute!