Die (Selbst-)Befreiung Buchenwalds

Wir gedenken der Opfer von Buchenwald und der (Selbst-)Befreiung der Gefangenen am 11. April 1945. Besonders hervorheben wollen wir den Schwur von Buchenwald, der auch heute noch ein wichtiger Bezugspunkt für unsere antifaschistische und sozialistische Praxis ist: „Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel.“ Dieser Schwur entstand am 19. April 1945 zum Appell des Totengedenkens durch die Überlebenden des Konzentrationslagers Buchenwald. Und dieser Schwur beinhaltet viel: den Kampf für Frieden und eine Gesellschaft, in der auch die Wurzeln des Nazismus bekämpft sind – dies kann nach den Überlebenden nur eine sozialistische Gesellschaft sein. Antifaschismus innerhalb von Verhältnissen, die wieder und wieder faschistische Regime hervorbringen, bekämpft nicht die Wurzeln des Faschismus. Es bleibt bei reiner Symptombekämpfung innerhalb eines bürgerlichen Demokratierahmens, der letztlich noch bestätigt wird.

Der mediale und politische Diskurs um die diesjährige Gedenkfeier der (Selbst-)Befreiung von Buchenwald ist ein Lehrstück. Ein Lehrstück von instrumentalisiertem Gedenken, der nationalistischen Vereinnahmung der nationalsozialistischen Verbrechen und der selektiven Bezugnahme auf die Überlebenden und Nachfahren der Gefangenen.

Das Konzentrationslager Buchenwald

In das Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar wurden in den Anfangsjahren ab 1937 vor allem politisch Verfolgte deportiert – Kommunist*innen, Gewerkschafter*innen und andere Kritiker*innen des NS-Regimes. Später kamen auch zunehmend aus rassistischen Motiven Verfolgte ins Lager (Sinti & Roma, Juden und Jüdinnen und als „asozial“ und „berufskriminell“ verfolgte Menschen). Mit dem Kriegsbeginn wurden viele Zwangsarbeiter*innen aus ganz Europa nach Buchenwald verschleppt. Circa 250.000 Männer und 28.000 Frauen aus über 50 verschiedenen Ländern wurden dort inhaftiert – 56.000 Menschen starben an Hunger, Krankheiten, menschenfeindlichen Bedingungen und durch Misshandlungen und Hinrichtungen.

Das internationale Lagerkomitee

Die vielen politisch verfolgten Häftlinge schafften es, 1943 eine illegale Organisationsstruktur im Konzentrationslager aufzubauen. Ging die Initiative vor allem von deutschsprachigen Antifaschist*innen aus, knüpften sie von Beginn an Kontakte zu allen internationalen Gefangenen. Das Komitee, das unter größter Bedrohung arbeitete, hatte verschiedene Ziele. So sollte ganz grundsätzlich das Leben der Häftlinge beschützt werden – es wurden bessere Arbeitsplätze für Kranke organisiert oder kranke Mithäftlinge versteckt und unterstützt. Außerdem wurde durch Sabotage gegen die SS und das Sammeln von Informationen Widerstand geleistet. Weiterhin wurde versucht, durch die Besetzung von Häftlingsfunktionen, wie etwa dem Blockältesten, durch Mitglieder des ILKs, Entscheidungen im Lager zu beeinflussen. Und schlussendlich wurde auch der Aufstand vorbereitet – durch Funkkontaktaufnahme mit den Alliierten, aber auch den Aufbau militärischer Strukturen und die Beschaffung von Waffen(teilen). Dieser eindrückliche Aufbau alternativer Strukturen in so menschenfeindlichen Bedingungen schützte nicht nur konkret Menschenleben, sondern hatte tatsächlich auch eine Selbstbefreiung zur Folge.

Historisch ist die Bezeichnung der Selbstbefreiung schwer diskutiert. So gab es in der DDR eine Art antifaschistischen Nationalmythos, der die jüdischen Biografien der Häftlinge zugunsten kommunistischer Heldengeschichten ausklammerte. Und die Selbstbefreiung war bedingt durch die zeitlich stattfindenden Ereignisse – den Vormarsch der US-Armee sowie durch den Befehl zum Abzug der SS-Männer.

Doch es ist unumstritten, dass für einige Stunden – vor der Ankunft der US-amerikanischen Soldaten im Lager – das internationale Lagerkomitee Wachmannschaften gefangen hielt, das Lager kontrollierte und 21.000 Gefangene im Inneren befreite. Auch vorheriger Funkkontakt zwischen dem ILK und den US-Truppen konnte eine bessere Koordinierung der Befreiung sicherstellen. Die von den Nationalsozialisten angeordnete „Evakuierung“ des Lagers Anfang April, die zu der Ermordung vieler Häftlinge geführt hätte, konnte durch koordinierten Widerstand, wie etwa das Verstecken von jüdischen Kindern oder ILK-Angehörigen, sabotiert, verzögert und teilweise verhindert werden.

Die Erinnerungspolitik

Nun fand gestern zum 81. Jahrestag der (Selbst-)Befreiung von Buchenwald ein Gedenken in der Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald statt. Nachfahren der Überlebenden fanden ergreifende Worte, um ihren Angehörigen zu gedenken und Buchenwald sowie den Schrecken des Faschismus, mit all seiner lauten und leisen Brutalität, nicht zu vergessen. Welche Stimmen allerdings – gezielt – kein Gehör finden, sind solche, die den Schwur von Buchenwald auch über eine innenpolitische Ablehnung der AfD hinaus in den geopolitischen Kontext einordnen wollen. Exemplarisch dafür ist die Ausladung des jüdischen Philosophen Omri Böhm im vergangenen Jahr, nachdem die israelische Botschaft Druck ausübte. Der Grund? Böhm kritisiert den anhaltenden Genozid in Gaza sowie einen zionistischen Ethnostaat, der im Widerspruch zu universalistischen Grundwerten stünde. Also: Gedenken, ja? Politik, nein? Ganz so einfach kann man die Bestrebungen der Gedenkstätte jedoch nicht einordnen, denn Themen, die nicht in Widerspruch zur deutschen Außenpolitik oder der Staatsräson stehen, sind gern gesehen. Waffenlieferungen, Aufrüstung und die ideologische und militärische Unterstützung Israels bei ihrem Genozid sollen aber unerwähnt bleiben.

Gedenken an den Holocaust

Dieses ritualisiert anmutende Gedenken und allen voran die Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald erfährt zunehmend auch Kritik. Im letzten Jahr wurde eine interne Handreichung öffentlich, in der jegliche Symbole, die in Zusammenhang mit Palästinasolidarität stehen, in der Gedenkstätte untersagt wurden. Melonen, Olivenzweige und auch Kufiyas. Die Initiative „Kufiyas in Buchenwald“ wollte ein eigenes Gedenken organisieren, da die Lehren, die sie aus Buchenwald ziehen, ansonsten kein Gehör fänden. Auch in den Reihen der Initiative finden sich Nachfahren von Verfolgten des NS-Regimes. Sie wurden medial massiv diffamiert und einige Mitglieder von der Gedenkstätte mit einem Hausverbot belegt.

Wir lassen uns nicht von dem Nachfolgestaat des Nationalsozialismus diktieren, wie unser Gedenken an Buchenwald auszusehen hat! Es wurden Kommunisten in Lager gesteckt, Juden und Jüdinnen rassifiziert und als Sündenböcke vernichtet und Menschen in ganz Europa durch einen unvorstellbaren Krieg vertrieben, verschleppt, zur Zwangsarbeit ausgebeutet, missbraucht und vergewaltigt – und trotzdem soll untersagt werden, die Sorge über Aufrüstung und Genozid zu äußern? Wir nehmen den Schwur der Überlebenden von Buchenwald ernst. Und wir akzeptieren, dass die Gruppe der Angehörigen der Häftlinge in Buchenwald heterogen ist – ebenso wie die Gefangenen. Wenn nun aber die Gedenkstätte Linken untersagen möchte, Faschismus, Genozid, Krieg und deutsche Verantwortung auf aktuelle Entwicklungen zu übertragen und damit auch einen Teil der Angehörigen und ihrer Perspektive ausschließt, kann nicht von einem „unpolitischen“ Gedenken gesprochen werden. Sondern einem, das den Herrschenden und ihren Machtinteressen nutzt.